In 80 km/h um die Welt.

Ich bin vorhin ungebremst in eine Baustelle gefahren. Vollgas. Die Hände so fest ums Lenkrad gekrallt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ungebremst, weil in der Baustelle nur 80 km/h erlaubt waren und ich eh nicht schneller kann. Ein Blick im Rückspiel zeigt, dass ich auf der Autobahn am Ende der Nahrungskette stehe und sich hinter mir eine Perlenschnurr an LKW gereiht hat.

Schritt zurück. Es sind 4 Jahre seit unser 3 monatigen Asien/Australien/Neuseeland Reise vergangen und wir haben unterwegs immer wieder Familien bewundert, die diese Reise mit Babys gemacht haben. Nun haben wir uns selbst so ein „Modell“ zugelegt, den Arbeitgeber um Elternzeit angeschnorrt und wollen ebenfalls auf große Tour. Nur wie reisen wir mit der Lütten? Unser Auto ist zu klein und das Budget für einen Flug plus Mietwagen ist noch kleiner und wir können mit der Kleinen auch nicht in jeden Schurkenstaat. Wir müssten also aus Deutschland starten und uns endlich den Ländern nördlich und östlich der Heimat widmen. Ein kurzer Realitätscheck bei Mobile.de hat auch schon den Radius möglicher Fahrzeuge hierfür eingegrenzt. Vom Alter her wird es aus der Bevölkerungskohorte der Wiedervereinigung stammen und von der Ausstattung her in der Schwackeliste ganz unten pendeln. Der Fiat Ducato 290. Italiens Allzweckwaffe für die Camper der 90ger. Amore.

Sie wurde „Elli“, nach einer Frau aus dem Animationsfilm „Oben“ vom Vorbesitzer getauft, da hier irgendjemand früh gestorben ist und man es verpasst hat zu reisen. Bisschen kitschig und ganz kriege ich die Argumentationskette auch nicht mehr zusammen, aber Elli ist als Name und Motto ok und man hat das Mobil wirklich liebevoll in Schuss gehalten.

Ein Schaulaufen der Reichen und Schönen – und Elli

Sie ist größer als ein VW Bus, einigermaßen günstig zu schießen und mit ein bisschen Spucke und Bitumen wird Elli halten. Nachteil, sie ist wirklich alt, sehr langsam und versprüht den rustikalen Charme eines Raststätten-Freudenhauses. Dafür ist drinnen genug Platz, n’WC, Kühlschrank und auch sonst alles was man braucht. Draussen hat sie ein Kumpel nochmal auf Herz und Nieren geprüft (1.000 Dank Hecke!) und die Niere musste dann auch neu. Aber bis auf eben diesen Dieseltank war alles startklar.

Das Interieur hat Nadi auf Vordermann gebracht und mit Hilfe meiner Mutter neue Gardinen verpasst. Außerdem hat sie unseren kompletten Haushalt verstaut, sodass wir Berge jetzt im ersten Gang und mit Zwischengas erklimmen müssen, dafür aber auf jeden Campingplatz wie die Könige leben. „Wollen wir uns heute abend ne frische Kartoffelsuppe im Thermomix machen?“ Klaro!

Insgesamt sieht Elli noch immer wie ein leichtes Mädchen aus, aber Dank Hecke kann sie ne Lunge um nen Marathon zu laufen und Dank Nadi sieht sie dabei auch noch chic aus – wenn die inneren Werte zählen. Gott sei Dank habe ich mich vor der Reise auch mit Board-Elektronik und dem 1X1 der Mechanik unser Dame auseinander gesetzt. Als wir die Dicke nämlich mit 10% Steigung auf einen der Berge gescheucht haben und danach wieder runter, roch es eigenartig. „Hmmh Nadi, verbrennt jemand draußen was?“ – Nadi kurbelt das Fenster runter: „Jupp, draußen stinkst“. Als dann noch weißer Qualm dazu kam wurde ich stutzig. Rauchen die anderen Autos etwa so? Ich hab also scheinbar ein feines Näschen für Fahrzeuge. Irgendwann hab aber auch ich kapiert, dass natürlich draußen keiner was verbrennt und mir schon kilometerlang hinterherläuft, sondern dass Ellis Bremsen es vielleicht einfach nicht mögen, wenn man ausgekuppelt den Everest runterrollt und in jeder Haarnadel-Kurve vollbremst. Also wieder den kleinen Gang rein und runtergestottert. Warum sollte ich auch runter schneller sein als hoch.

Nun zur Route. Wir wollen anfangs über Dänemark nach Norwegen und uns hier Richtung Polarkreis austoben. Anschließend wollen wir über Schweden und Finnland Richtung Baltikum und in St. Petersburg, den finnischen Meeresbusen umrunden. Elli muss also nicht nur nen Marathon laufen, sie wird auch viele Fremdsprachen lernen müssen. So die Theorie. Ich musste ne Sicherung austauschen, damit wir wieder Strom im „Bad“ haben, die Anleitung für Heizung und Kühlschrank lesen und auch sonst haben wir schon ein paar Hürden mit unser Rentnerin gemeistert, aber sie läuft und läuft. Lauter als ein Ausflugsdampfer, aber konstant.

Das Gegenteil der Renterin ist unser jüngstes Mitglied des Mehrgenerationenhaushaltes. Harli ist die geborene Camperin. Nach dem Frühstück ratzt sie im dröhnenden Motordrom friedlich für drei Stunden. Dann gibt es Geschrei wegen des Mittagsessen – von Nadi – und nach der gemeinsamen Mahlzeit wird wieder bis abends geratzt. Manchmal wacht man verwirrt in seinem Kinderwagen in der Stadt oder am Fjord auf, aber bis abends ist alles easy. Abends hingegen ist Party auf dem Campingplatz und man jauchzt, quiekt und meckert. Auch wegen Zähnen.  Das stört bisher aber keinen, im Gegenteil. Gestern hatten wir vier Nachbarn vor der Tür, die uns alle solidarisch mit Tips versorgt haben.

Mittlerweile sind wir also schon eine Woche unterwegs und in Norwegen, genauer in Alesund und haben den Start mit Bravour gemeistert. Ich bin vom Land total begeistert – Dänemark ist nicht so meins und wirkt immer ein bisschen wie XXL Schleswig-Holstein, aber Norwegen…huiiii. Auf der Fähre hierher haben wir auch gleich nen Auswanderer ausgemacht, bzw. er uns. „In Norwegen hab ich gleich Arbeit bekommen“ „In Norwegen sind alle Menschen freundlich“ „In Norwegen ist das Essen und das Leben besser“ Ja, schon gut. Wir haben auch VOX und kennen die Platte der Auswanderer.

Was an Vorurteil aber stimmt ist die Kinderzahl. Kinder scheinen ein Statussymbol zu sein und man hat in der Regel 3-4. Wie Clowns aus einem Auto krabbeln hier Kinder aus…naja auch Autos. Wir haben nur eins und das andere Statussymbol, das Auto können wir erst recht knicken. Hier stehen ganze fahrende Einfamilienhäuser neben unser Dirne. Eins hatte drei Achsen, nen Hauswirtschaftsraum und ein Cockpit, in dem man die Erdkrümmung sehen könnte. Nur im Verbrauch können wir mithalten.

Kategorien: Einmal um die Ostsee | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „In 80 km/h um die Welt.

  1. bela.balazs@t-online.de

    Superschöne Zeit „mit“ eurem neuen Zuhause! Ihr macht es großartig, die Welt ansehen und Arbeit ruhen lassen. Und nun schon zu dritt. Wir freuen uns auf die nächsten wunderbar launigen Berichte und Fotos.
    Ganz liebe Grüße Ingrid und Bela

    Von meinem iPad gesendet

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