So, wie ihr Nadis Eintrag schon entnommen habt, leben wir in der Zukunft. Statt aber mit nem supercoolen Delorian inklusive Fluxkompensator einem verrückten Professors zu helfen, fahren wir nur nen weißen Toyota und sind eher faul. Deswegen muss sich was ändern und wir fliegen morgen weiter nach Neuseeland. Nicht aber ohne vorher noch kurz mit Australien abzurechnen…
Ich bin der festen Überzeugung, dass Landmassen ungerecht verteilt wurden. Gott (oder wer auch immer) mag alle seine geschaffenen Erdteile lieben, aber Australien muss er ein kleines bisschen lieber gehabt haben. Nichts gegen die Ost- und Nordsee, aber wenn wir schon so ein riesen Hallo wegen Sylt machen und mit dessen Umriss unsere Kofferräume zieren, was sollen sich denn die Australier alles auf die Karre kleben? Hier reiht sich Traumstrand an Traumstrand. Bei dieser Fülle an Möglichkeiten keiner Wassersportart nachzugehen, ist vermutlich Blasphemie. Auf Rädern, zu Fuß oder im Auto, jeder fūhrt hier so natürlich ein Surfbrett bei sich, als wäre es ne Armbanduhr – so auch wir. Oder genauer gesagt, so auch ich! Denn Nadi hat in unserem internen Karma Rennen per Volley den Anschlusstreffer zum 6:2 erzielt und das kam so:
Vor geraumer Zeit fing sie an auf ihrem Sitz unruhig zu werden und über juckende Haut zu klagen. „Mach dir keine Sorgen. Ein wenig Salzwasser, Sonne und körperliche Ertüchtigung und schon bist du wieder auf dem Damm“ diagnostizierte ich fachkundig. Eine Fehleinschätzung. Am zweiten Weihnachtstag wurde das ganze so schlimm, dass wir ins Krankenhaus mussten. Einerseits clever, da alle Australier an diesem Tag zuhause das Cricket Spiel des Jahres gegen England verfolgten, andererseits nicht so clever, da hierzu auch die australischen Ärzte gehörten. Vier Stunden verbrachten wir also zwischen siechenden und wimmerden Menschen mit tränenden Augen, kaputten Füßen oder Brüchen. Während Nadi behandelt wurde, habe ich mich mit meiner (natürlich deutschen) Nachbarin unterhalten, die eine grotesk rot-aufgeblasene Hand hatte.
„Mich hat ne Spinne gebissen, dann wurde erst der Finger rot, dann mehrere Finger, dann die Hand und jetzt tut schon der Ellbogen weh, da dachte ich nach ein paar Tagen, ich geh einfach mal vorsichtshalber zum Arzt“. „OH MEIN GOTT, DU WIRST STERBEN“ dachte ich, sagte aber beschwichtigend: „Mach dir keine Sorgen. Ein wenig Salzwasser, Sonne und körperliche Ertüchtigung und schon bist du wieder auf dem …“ – dann ging die Tür auf und Nadi stand im Flur, bis unter die Achseln in Verbände gewickelt. Weder Wasser, noch Sonne, lautete die Verordnung des Arztes. In Australien bedeutet das Einzelhaft, da es keine Orte ohne Wasser und Sonne gibt.
So gerne die Jungs hier aber auf Wellen surfen, so ungern surfen sie offensichtlich im Internet. Denn der Zugang zum weltweiten Netz scheint hier eine Art Privileg zu sein, das mit Gold aufgewogen wird. Bei jedem Einchecken in Hotels stellten wir anfangs die gleiche Frage: „Habt ihr zufällig Wlan“? Mal schaute man uns an, als hätten wir nach ner Niere oder Rauschgift gefragt, mal schüttelte man verständnislos den Kopf oder man ignorierte uns der Einfachheit halber gleich. Dabei werben Hotels durchaus mit Internetzugang, allerdings gibt es den nur durch ein Lan-Kabel (!) auf dem Zimmer oder für $15 die halbe Stunde in der Lobby. Unser letztes Hotel bot mir gönnerhaft kostenlose 10MB an. „Gute Frau, für 10MB krieg ich nicht mal ne SMS gesendet. Wie soll ich skypen, mailen, bloggen, das politische Weltgeschehen verfolgen und nebenbei noch den Transfermarkt verfolgen? Besonders in der Winterpause werden die Weichen für die Rückrunde gestellt“. Ich redete auf sie ein wie auf ein krankes Pferd aber nichts half – naja, geh ich halt wieder am Strand surfen.
(Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass der Computer des Hotels in einem derat desolaten Zustand war, dass ich ihn trotzdem noch schnell defragmentiert und aufgeräumt, fehlerhafte Verknüpfungen repariert und den Virenschutz anschließend aktualisiert habe. Urlaub oder nicht, ich kann so ein Gerät eben nicht leiden sehen, da geht was kaputt in mir.)
Ebenso emotional wie ich beim Thema Technik reagiere, wird hier das Thema Essen behandelt. Wo der Australier steht, wird gegrillt. Gesellig hocken sie abends in Scharen an den öffentlichen Grillstationen am Strand oder im Park und genießen ihr Feierabend-Bier bei einem Steak oder einem Steak. Manchmal gibts auch Steaks. Da dies die soziale Basis des australischen Alltags zu sein scheint, haben wir uns dem Brauch angeschlossen und sind mit Kühlbox und Bier ausgerüstet abends zu den Stränden getingelt. Nur eben ohne Fleisch. Damit waren wir ungefähr so cool, wie die Kinder, die damals in der Schule Nusspli statt Nutella auf Brot hatten oder im Bus ganz vorne saßen.
Eines abends stand ich mit Bier am Grill, als ein freundlicher Familienvater auf nen Schnack zu mir kam. „Was grillste denn da?“ fragte er und lugte dabei in meine Alufolie. Klar, warum soll man nicht zeigen, wenns einem gut geht: „Fetakäse mit Pesto, Scharlotten, Zwiebeln und Tomaten überbacken. Dazu Champions und Paprika mit Knoblauchbutter und frischem Baguette“ zählte ich triumphierend auf. Ich schaute in zwei mitleidige Augen: „Willst du ne Wurst?“. Später beim Abwaschen sind wir nochmal an seinem Picknicktisch vorbei gekommen und seine Familie schaute uns traurig und mit zusammengepressten Lippen nach. Arme Deutsche.
Das letzte was ich gelernt habe ist, dass Tätowierungen hier salonfähig und Dresscodes nebensächlich sind. Tätowiert ist eigentlich jeder und das meistens großflächig. Ob Ärzte, Polizisten, Obdachlose oder Stewardessen – jeder hier ist bunt und versteckt es auch nicht. Bei unserer ersten der zahlreichen Polizeikontrollen, hielt uns ein Polizist an, der wie Klitschko in groß aussah und dessen Braunkohlebagger-großer Unterarm zwei Schlangen zierten, die mit Pistolen aufeinander schoßen und dabei einen Totenkopf umwickelten. Oha Herr Schutzmann, in Japan kommste damit aber in kein Freibad. Immerhin trug er eine Uniform. Der diensthabende Arzt, der Nadi im Krankenhaus mumifizierte, hatte sich hingegen nur mit Mühe ein Hemd übergeworfen und trug ansonsten Badeshorts und Flip-Flops.
Das gefiel mir neben der atemberaubenden Landschaft eigentlich am Besten an Australien, die sagenhaft entspannte und fröhliche Lebenseinstellung mit der hier jeder jedem begegnet. Wir trafen fast immer auf gesellige und freundliche Menschen, die sich über eine Unterhaltung freuten oder uns mit Tipps nur so überhäuften. Klar gabs hier und da auch grobschlächtige Spitzbuben – aber sie sind nun mal zum Teil ja auch britischer Herkunft.
Ich bin gespannt ob Neuseeland dies hier noch toppen kann.










































































