Einmal um die Ostsee

Polarkreis: Check – Russland: Check … Gültige Fahrzeugpapiere? Check ich nicht

Strike 2

Es war fast langweilig die letzten Tage. Estland, Lettland und Litauen sind sehr hübsche Länder mit hübschen Städten. Tallinn, Riga, Vilnius = super. Tolles Essen, nette Menschen, alles wie es sein soll.

Dann haben wir uns langsam für den Endspurt Polen heiß gemacht und wollten heute aus Vilnius los. Bereits am Morgen hat Ellie allerdings über Startbeschwerden geklagt und wollte nur müßig aus dem Bett. Man würgte und quälte sich beim Starten. Kein gutes Zeichen…hab ich die Batterie etwa irgendwie entladen oder wird sie nicht richtig geladen? Ich prüfe die Sicherungen aber finde nichts. Wir fahren erstmal ne Stunde, dann gucken wir nochmal. 

Durchgefallen

Ich hätte den Ort für eine weitere Probe besser wählen sollen, denn es war nen Rastplatz mitten im Nichts. Rastplatz wäre an dieser Stelle eine Auszeichnung. Tatsächlich war es nur ein grüner Container mit zwei littauischen Buben im Kassenhäuschen. Ellie getankt und gestartet … nichts. Nur ein Klacken. Von meinem Golf 2 weiß ich noch, dass Klacken nicht gut ist. Überhaubt würden mir spontan nicht viele Dinge einfallen, bei denen ein Klacken gut ist. 

Also wieder die gelben Engel angerufen, bei denen ich vermutlich schon auf der Fahndungsliste stehe. Wie immer, sehr freundlich abgewickelt. Nur wurden aus den 60-90 Minuten diesmal 3.5 Stunden. Der erste Abschlepper rief nach 90 Minuten an, wollte mir aber nur kurz sagen, dass er heute nicht mehr kommt. Wäre ja Sonntag. Nett, dass er trotzdem anruft. Der 2. rief an und wollte nochmal die Adresse und was denn genau das Problem sei. Ähm, ich kann dir die GPS Daten geben und nen Tipp Richtung Anlasser. Ansonsten, im Grünen zwischen Vilnius und Kaunas. Der 3. Anrufer wollte wieder die Adresse haben, wäre aber eh nicht vor 3 Stunden da, schließlich ist er noch 100 Kilometer weg. Oh Mann, ein Raser.

Hab mich dann in München nochmal erkundigt, wie es denn so weitergeht. Wird es Nummer 1, der gottesfürchtige Mann, der am Sonntag nicht arbeiten wird und bei dem wir an der Raststelle schlafen müssen. Oder Nummer 2, der Unbekannte Global-Player der eine Mischung aus Littauisch, Englisch und Deutsch spricht (Getriebe? GETRIEBE?) Oder wird es Nummer 3, der entfernte Retter, der für 100 Kilometer 3 Stunden braucht. Wer wird mein Herzblatt sein?

Do you know its Boch 

Der ADAC war entrüstet und versprach, nochmal bei den Kollegen in Littauen anzurufen. Am Ende kam ne SMS : „Roadside asistance from ADAC come to you with truck IVECO color silver with logo Boch. Do you know?“ 

Ob ich Boch kenne? Oder Iveco? Hier kam in den letzten 2 Stunden keine Seele lang. Ich werde mich dem erstbesten Abschlepper vors Auto werfen. MAN oder Iveco. Silber oder rot.

Ich vermisse Gennadi jetzt schon. Den liebenswerten Tagedieb aus Riga. Was immer er für die Knast-Tattoos getan hat, es muss ein Verbrechen aus Liebe gewesen sein.

Dann kommt ein silberner Iveco Truck von Bosch. Bosch beruhigt mich. Abgas-Absprache hin oder her, schadhafte Software kann ich bei Ellie eh ausschließen. In dem Wagen sitzen 3 Leute. 2 steigen aus, der dritte scheint tot zu sein. Guter Schnitt.

Erstmal das Formelle. „Du bist der Liegenbleiber?“ Ich sehe mich fragend nach einem zweiten Wohnmobil mit offener Motorhaube um. Ja. Ich bin es. Dann schauen beide mit Zigarette im Mund tief in die Motorhaube. „Batterie“. Nee, Scheibenwischer gehen, Licht auch und außerdem bleibt die Ölstandsleuchte bei Zündung an, ist wohl die Magnetspule des Anlassers. Stolz schaue ich sie an. Ich hab die letzten 3 Stunden ein Fernstudium in Klugscheissen bei der Google-Universität abgeschlossen. 

Der Erste schaut nochmal rein und bestätigt meine Diagnose. „Wir schieben an und du kannst weiter fahren.“ Ähm, wohin soll ich denn? Bis zur nächsten Tanke in Polen und dann wieder von vorn? Wir einigen uns darauf, dass wir in ihre Werkstatt fahren und sie es morgen vielleicht reparieren. Ok. Mehr kann ich nicht verlangen.

Dann klettert Nummer 2 auf den Bock und lacht, als er die Revolverschaltung sieht. „Was ist der Scheiss?“. Ein Fiat, Italiens Sperrspitze der Ingenieurskunst. Bisschen alt aber … ja was eigentlich? Gut in Schuss ist seit einer Woche ein wenig übertrieben.

Er fordert uns auf, dass wir ihn jetzt anschieben. Digger, du hast nen riesen Abschleppwagen. Können wir nicht mit dem anschleppen?  Dann müssen wir nicht zu zweit ein Wohnmobil schieben, bis es anspringt. Wir schieben. Also wir zwei. Der dritte sitzt immer noch wie tot auf dem Wagen. Nach den ersten 3 Metern sehen alle ein, dass wir kein Wohnmobil schieben können. Wir schleppen an.

Nach ein paar Versuchen klappt es auch und Ellie tuckert. In Kolonne fahren wir durch Kaunas zu deren Werkstatt. Kurz vorher halten wir noch einmal und die zwei entsorgen die Leiche des Dritten. Alkohol-Leiche. Der Gute war breit wie ein Parkhaus und konnte kaum laufen. 

Nun denn. Wir haben Ellie bei der Werkstatt geparkt und uns ein Taxi zum Hotel genommen. Kaunas also. Was gibt’s denn hier. Ich könnte die Eltern von Valdas Ivanauskas auf einen Tee besuchen. Aber was hätten wir uns nach 91 Spielen und nur 13 Toren ihres Valdas schon zu erzählen…

Ivan der Schreckliche. Eine Frisur zum Nachzeichnen

Gegen 11 Uhr nächsten Morgen kam aber auch schon der Anruf, dass alles wieder heil ist. 130 Eur für die Reparatur und ne 4 Eur teure Taxifahrt später sitzen wir wieder in Ellie. Diesmal Richtung Wolfsschanze… 

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Estland = Bestland

„Es hausen Zaunkönige dort, wo’s einst kein Adler wagte“ so oder so ähnlich hat Shakespeare es gesagt und so oder so ähnlich haben wir uns auch gefühlt, als wir mit Ellie in die Stadt Peters des Großen einfuhren. So viel Prunk, Marmor und beeindruckende Architektur habe ich erst in wenigen Städten erleben dürfen. Aber der Reihe nach.

Als wir die Grenze nun hinter uns ließen, konnten wir uns endlich mental auf die kommenden Straßenverhältnisse gefasst machen … aber die Straßen waren wider Erwartend, breit und dazu mit Werbung des Klassenfeindes gesäumt: Apple, Mc Donalds und Ford. Hmmh. Dann kamen die ersten Tankstellen und auch die waren tadellos. Bei einer Shell haben wir, immer noch misstrauisch, für 52 Cent den Boliden vorsichtshalber noch einmal aufgetankt. Als ich den Tankwart, der für uns getankt hat, fragte, ob man denn hier auch mit Visa zahlen kann, hat sein Gesicht eine Mischung aus Mitleid und Unverständnis ausgedrückt. Ja, man kann in Russland mit Visa zahlen, du Trottel. Paypal oder Clubsmart-Karte dabei? 

Bevor ich all meine idiotischen Vorurteile aber endlich begraben konnte, musste ich erst an eine Mautschranke kommen. 100 Rubel wollte die Matrone in der Box von mir. Ich hatte aber keine Rubel, da noch keine Bank kam. „Hmmh Rubel habe ich keine werte Frau, aber diese funkelnde Euro-Münze könnte ich anbieten“ und hielt dabei gönnerhaft das Objekt der Begierde in die Sonne. „Was soll ich mit nem Euro? Rubel oder Visa“!

Moderne Infrastruktur, die frisch gemähten Seitenstreifen duften nach Sommer, fast jedes Auto bedankt sich beim überholen, wenn man ein wenig Platz macht und die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Vielleicht sollten wir unsere Vorurteils-Schublade langsam mal wieder schließen… 

Wir haben übrigens den Sonntag für die Einfahrt nach St. Petersburg gewählt, da Sonntags der Verkehr meist entspannter ist und wir unsere 6 Meter lange, Servolenkungs-freie Behausung dann einfacher durch die Stadt steuern können. Sonntags wird auch der Russe bei einem Hühnerei gemütlich am Frühstückstisch sitzen und frischen Bohnenkaffee genießen. Was wir nicht berücksichtigt haben ist, dass der berühmteste Sohn der Stadt, Vladimir P., an diesem Tag zum Fest geladen hat und seine Kriegsmarine-Parade durch die Stadt zieht. Kurz: Es war voll wie tausend Russen.

St. Petersburgs war schlicht beeindruckend, wir hatten eine tolle Wohnung und die Menschen die wir kennen gelernt haben, haben uns nochmal gezeigt, wie albern zuviel Mißtrauen und Vorurteile vor einer Reise sind. 

Und dann gabs auch noch Feuerwerk

Trotzdem waren wir froh, dass die Ausreise geklappt hat und wir wieder im heimischen Schoß der EU inkl. Fahrzeug und trotz exkl. Fahrzeugschein waren. Die Russen waren nochmal mit Mann und Maus (eigentlich ein Hund) bei uns im Wohnmobil, aber der Este hat es dann souverän runtergespielt und uns die Grenze geöffnet. 

Generell verstehen sich die Esten eher als Skandinavier denn als Balten. Dick befreundet mit den Finnen, aber mit dem Russen … So hat uns Estland, das Land aus dem Skype und Hotmail kommen, auch als sehr modernes Land empfangen. 50% des Landes sind Wald und die spärlichen restlichen Einwohner sind Europas Heiden Nummer 1. Nur 14% zählen sich als Religionszugehörig.

So genug aus Google erzählt. Wir sind also in der Hauptstadt Tallinn und wundern uns über deren Aufmachung. Die Innenstadt wirkte wie ein Freizeitpark, in denen die armen Ureinwohner, den Touris das Mittelalter vorgaukeln müssen. An jeder Ecke ist jemand verkleidet und Heerscharen Asiaten und Amerikaner erfreuen sich der Folklore. (Es ist auch das Land mit den meisten Volksliedern. Genug jetzt).

Endstation Harfe

Ein Händler der Aufladekabel verkauft. Stilecht

Wir schlendern also wieder zum Wohnmobil, um zum nächsten Campingplatz zu fahren, als ich mich über einen nassen Fleck unterm Fahrzeug wundere. Hmmh. Hat’s geregnet? Egal. Wir fahren los und auf einmal wird das Bremspedal ganz hart und lässt sich nur noch schwer durchtreten. Flüssigkeit unterm Auto und gleichzeitige Beeinträchtigungen der Fahreigenschaft, sind nie gute Zeichen. Schlechter noch werden die Zeichen, wenn die Flüssigkeit auch noch Öl ist.

Wir parken, ich krabbel unters Auto und die rechte Seite ist komplett schwarz und verölt. Aber nichts von dem passt zu einer harten Bremse. Ein Blick unter die Motorhaube zeigt, dass einer der Vormieter dort Ersatzöl hinter der Batterie gelagert hat und dies ausgelaufen sein muss.

Große Klappe. Öl dahinter

Jetzt sind wir Gott sei Dank im ADAC – wenn auch erst seit 2 Monaten. Ich rufe an und man sagt mir, dass jemand kommen wird. Und jemand wird kommen. Auftritt Gennadi. Er hält vor uns, steigt aus und seine mies gestochenen Knöcheltattoos schreien entweder nach Knast oder Jugendsünde. Beides schließt sich nicht aus. Er guckt unter die Motorhaube und sagt das KFZ-Mechaniker 1×1 auf. „Oha, das sieht nicht gut aus“. Warum ich nen Fiat fahre, fragt er. Fiat ist scheisse. 

Das ist mein gelber Engel? Echt jetzt? Aber Gennadi macht nur Spaß. Fiat ist scheisse weil Fiat Service in Tallin keine Wohnmobile mehr annehmen. Zu aufwendig. Er weiß auch nicht wo er mich hinbringen soll. Schnell erzähle ich ihm, dass das Öl hier harmlos und eher ein Versehen ist, weil es aus einer Ersatzflasche gelaufen ist. „Ja, putzen wir einfach weg. Öl haben ist besser als Öl brauchen.“ Na denn.

Gennadi sagt, er findet keine Werkstatt für uns außer eine, die erst in 4 Tagen wieder Zeit hat. Nach weiteren 4 Tagen Mittelalter-Themen-Park würde ich aber von der Burgmauer springen. Er hat ne Idee. Irgendwas fummelt er im Motorraum rum und zeigt mir stolz nen Schlauch, den er irgendwo abgezogen hat. Ähm, ja? „Kein Zug. Ich weiß fast. Vakuum-Pumpe. Ich kann bei mir in der Werkstatt reparieren.“

Ok. Die Skepsis setzt ein. Es kommt ein Abschleppdienst mit Knast-Tattoos, redet mit wem-auch-immer am Telefon, behauptet, keiner hätte Zeit, fummelt mir Leitungen aus der Kiste und will es am Ende selbst reparieren… Wir sind dabei!! Was sollen wir auch anderes machen?

Wir fahren also hinter ihm her zu seiner Werkstatt. Er fährt extra schwach befahrene Straßen, damit wir sicher sind. Nebenher telefonieren wir erneut mit dem ADAC und die segnen die Geschichte mit seiner Werkstatt ab und kümmern sich jetzt um eine Übernachtung plus Taxi für uns. Puh.

Auf dem Gelände von Gennadis Werkstatt guckt sich Henry, wie er ab jetzt genannt werden will, nochmal alles in Ruhe an und ist sich sicher, dass er alles repariert kriegt und gleich morgen früh um 9 Uhr anfangen will. Wir können auch auf seinem Gelände campen, wenn wir wollen, aber die Hotel-Geschichte vom ADAC finden wir besser. Freundlicher Henry hin- oder her.

Da spurrtet er los und ruft nach oben einen Namen. Es geht ein Fenster über seiner Werkstatt auf und ein Mann schaut raus. Es handelt sich um den Mann, der für den ADAC in Estland die Anfragen regelt. Er sagt, er hat uns gerade ein Hotel gesucht und ein Taxi kommt gleich. Zufälle gibts.

Henry lässt es sich nicht nehmen, mit uns aufs Taxi zu warten und erzählt uns von seinem 60 Jährigen Leben. Netter Kerl. Erst als das Taxi kommt und er dem Taxifahrer nochmal alles erklärt hat, fährt auch er nach Hause. 

Der ADAC hat für uns ein nettes Hotel direkt in der Innenstadt besorgt, von dem wir am nächsten Tag die Stadt zu Fuß besichtigen können und gegen 11 meldet sich Henry, dass alles wieder in Ordnung ist. Er hat sogar das Öl aus dem Motorraum gewaschen und die Bremsen gereinigt. Kostenpunkt für alles: 30 EUR.

Er zeigt uns noch Fotos von seinem Neffen und wünscht uns ne gute Fahrt. Puh. Glück gehabt. Danke ADAC und besonderen Dank an den Knöchel-Tattoo tragenden Henry. 

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Hart an der Grenze

Russland. Wir haben uns nicht getraut, direkt von Helsinki nach St. Petersburg zu fahren, da es 4 Stunden sind und dazwischen so etwas wie eine russische Grenze liegt, dessen Ruf ihr weit voraus eilt. Also haben wir an der Grenze übernachtet und – ich muss es zugeben, wir haben mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt. „Lass nochmal volltanken in Finnland“, „Wir nehmen lieber viel frisches Wasser mit“, „Ich hab gelesen, die Straßen sind voller Löcher und wenn wir unsere Kreditkarte nutzen, wird sie gleich gesperrt“, „Die Polzei soll willkürlich und kurrupt sein“ und „Der Russe fährt wie ein Henker“.

Gute Voraussetzungen also, um mit klaren Kopf das Thema „Wohnmobil in Russland“ anzugehen. Wir rollen also auf die Grenze zu. Kein Auto, kein Mensch in Sicht. Aber eine rote Ampel. Wir halten. Nichts passiert, bis eine Person aus dem Gebäude kommt und uns genervt darauf hinweist, dass wir doch bitte ins Gebäude kommen sollen. „Wir Trottel.“

Jetzt haben wir wirklich jeden Blog und jedes Schauermärchen über die Grenze gelesen. Internationaler Führerschein, Versicherungen, die man an der Grenze aufgebrummt bekommt oder Bestechungen, weil sie einen irgendwas vorwerfen. Auch ein internationaler Fahrzeugschein soll notwendig sein. Das habe ich so vorher noch nicht gelesen. Problem hierbei, ich habe nicht mal den Deutschen mit, weil ich ihn beim Packen irgendwie verbummelt haben muss… Ich hab aber ein Foto vom Fahrzeugschein und den Brief mit….“Wie soll der Russe denn wissen, wie ein deutscher Fahrzeugschein aussieht?“

Wie geh ich die Geschichte also an. Dumm stellen, Lüge oder Wahrheit? Ich bin noch unentschlossen als ich auf die Zöllner zugehe. Zunächst wundert mich sein geschliffenes Englisch, dann macht er ein paar Witze und fragt, wo denn der Rest der Familie ist. Och der ist aber nett. Also kommen auch Nadi und Harli dazu. Hmmh, warum hat er denn wohl eine finnische Flagge auf dem Arm? Egal. Ist ja ne gemeinsame Grenze, wechseln sich wohl ab. Er fragt nach den Fahrzeugpapieren. Bitte sehr, hier sind sie. „Das ist ein Brief, Teil 2. Wir brauchen Teil 1, den Schein“. Mist, den Finnen hier kann ich schonmal nichts vormachen und ich probiere es erstmal ahnungslos. „Das ist alles was ich hab, das ist das Original“. Was immer ich dachte, wie es weitergeht, er kennt seinen Job und ich liege bereits 5:0 hinten, bevor es überhaupt losging. Wir diskutieren und ich soll erstmal mein Auto von der Schranke wegfahren. Langsam klingelt es auch, dass dies hier die EU Grenze ist und alles vorsortiert wird, bis es an die russische Grenze geht.

Die Finnen sind freundlich, aber sagen, keine Chance Kumpel. Nimm den Bus, die Fähre oder von uns aus Lauf, aber ein Auto ohne gültige Papiere? Schwierig. Irgendwas hat sie aber erwärmt – vermutlich der Zustand der Karre oder das Nadi gerade Harli füttert – und sie bieten an, bei den Russen drüben eben anzurufen und zu fragen, was denn deren Meinung zu der Sache ist. Der Russe sagt, „muss ich mir selbst angucken“.

Die Finnen ringen mit sich. Finne 1 sagt, dass unser Visum nur eine einzige Einreise erlaubt. Wenn wir jetzt rüberfahren, sind wir ja eigentlich in Russland und wenn wir abgelehnt werden, können wir später keine Fähre oder anderen Weg mehr nehmen, denn das wäre Einreise Nummer 2. Finne 2 ruft also wieder drüben an, was man da machen kann. Der Russe sagt, „muss ich mir selbst angucken“. 

Die Finnen haben ein Herz (oder einfach keinen Bock mehr), sagen nochmal wie wenig offiziell hier meine Kopie ist und übergeben uns den Russen. Wir fahren in das Sperrgebiet und passieren die riesigen Betonbuchstaben „Russland“. Ein wenig mulmig ist uns schon. 

Nach ein paar Kilometern, an Wachtürmen und Stacheldraht vorbei, kommen wir auf einen Hof und stellen uns vor die dortige Schranke. Eine Blondine in Armee Klamotten zeigt auf ein Häuschen, zu dem wir gehen müssen. Dort fragt man sehr patzig nach etwas, was wir nicht verstehen. „Oh sorry, English, please? We dont …“ weiter komme ich nicht, da sie das gleiche Wort von eben noch einmal, diesmal nur lauter schreit. Am liebsten hätte ich ihr den Schweigefuchs aus der Grundschule mit meinen Händen gezeigt, damit sie versteht, dass man mit Schreien und diesem Militär-Esperanto nicht weit im Leben kommt. Besser nicht.

Es handelt sich um Einfuhrdokumente, die ich hätte ausfüllen sollen. Wann denn? Ich fülle sie aus, weiß aber die Visa-Nummern nicht, da auf meinem Visum tausend Nummern stehen und alles auf kyrillisch ist. Naja, dann muss sie das eben schnell nachtragen. Ich hab das Spiel wohl aber noch nicht verstanden, denn sie schmeisst mir die Zettel zurück. Sie füllt hier mal gar nichts aus. 

Gott sei Dank hilft mir ein finnischer Busfahrer zu verstehen, was ich hier eintragen soll. Aber ohnehin wollte ich ja erstmal nachfragen, wie wir denn mit dem Fahrzeugschein-Problemchen zusammenkommen. Wen immer die Finnen angerufen haben, diese Dame war es sicher nicht. Sie nimmt die Pässe und ist nicht mehr ansprechbar. Menschlich wirds hier merklich kälter. Ich höre drei Stempel auf eine Art klopfen, wie es nur Beamte können und unsere Visa sind genehmigt. Uuuund auch entwertet für einen möglichen zweiten Versuch. Prima. Wir sollen gehen.

Militär-Frau 1 zeigt jetzt auf ein anderes Häuschen. Dort sitzt eine ältere Frau und fragt nach unseren Zoll-Erklärungen. Nie so etwas gesehen. Man gibt uns zwei Zettel und zeigt auf eine Tafel, wo alles erklärt steht. Wieder auf kyrillisch. Das brüchige Englisch auf unseren Zetteln gibt aber zumindest Hilfestellung. Ich fülle alles nach besten Gewissen aus. Auf der kyrillischen Tafel steht noch was von IPhone, also schreib ich auf die Rückseite „Thermomix und Samsung S6“ Sollen wohl Wertsachen sein. Ich gebe den Zettel mit dem gleichen mulmigen Gefühl ab, wie früher Klassenarbeiten. „Ähm die Finnen haben hier angerufen und ich …“ Man unterbricht mich auf russisch und fragt nach allen Dokumenten. Hier bitte, aber die Finnen…ach was solls. 

Frau 3 prüft also in Seelenruhe meinen Zettel und drückt überall Stempel rauf. Stempel sind gut, oder? Dann will sie mir die Zettel zurückgeben und schaut vorher nochmal auf die Rückseite. Sie wirkt enttäuscht und/oder genervt. Auf jeden Fall zerreißt sie die Zettel und gibt mir zwei Neue. Dazu sagt sie „No“. Ist wohl kein Thermomix-Fan. Vielleicht sollte ich ihr kurz zeigen, wie einfach damit guter Milchreis geht, aber zu Scherzen bin ich seit 2 Stunden schon nicht mehr aufgelegt. Also alles nochmal. 

Auf einmal steht wohl ihr Chef hinter ihr und beide prüfen meinem Fahrzeugbrief. Oh nein. Sie fängt jetzt an, alles in einen Computer zu tippen. Den ganzen Brief. Mit nur einem Finger. Dann macht sie Kopien von allem, aber stempelt wieder und ich kriege die Dokumente. Ha!

Leider ist Militär-Frau 1 jetzt weg und ich weiß nicht wer oder was als Nächstes kommt. Häuschen 3? Der Zonk? Ich will gerade zu meiner Freundin aus Haus 1 zurückkehren und fragen, da klettern schon zwei Uniformierte in unser Wohnmobil. Mit Stiefeln auf Nadis Teppich untersuchen sie sehr lustlos alles, lachen miteinander und bitten mich dann alle Klappen zu öffnen. Dann gehen sie raus und öffnen die Schranke. Los, hau ab.

Wir sind also tatsächlich in Russland. Jetzt noch 2 Stunden bis St. Petersburg aber der schwierigste Teil ist geschafft…hoffentlich. Mal sehen was die Kollegen in Estland sagen, wenn wir an deren Tür klopfen und nen altes Wohnmobil ohne Schein zurück in den sicheren Schoß der EU führen wollen. Aber das ist das Problem von Zukunfts-Christoph.

Man beachte den Zeigefinger…

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Schwed….Finnland

Auf unser Reise haben wir Norwegen mittlerweise verlassen und sind in Richtung Finnland auf ein kurzes „Hallå“ durch Schweden gekommen. Wir haben Norwegen fast bargeldlos bereist, da man jedes Kaugummi mit Kreditkarte zahlen kann, trotzdem hatten wir noch 100 Kronen und die sollten den Besitzer wechseln, am Besten an der Tankstelle.

Das Norwegen teuer ist, ist bestimmt in jeder Ecke der Republik bekannt – ebenso das Tanken hier. Die erste Tankstelle am Morgen wollte nochmal stolze 1,75 Eur für den Liter Diesel und ich haderte, da bestimmt noch bessere Preise Richtung Schweden kommen würden. „Tank doch einfach hier“, mischte sich Fahrerin Nr. 3 in den inneren Disput ein. „Aber das wollen sie doch Nadi. Uns ködern, dass hier die letzte Chance ist und dann kommt in 20km noch eine für 1,60! Guck mal, laut Navi kommen jetzt 90km feinste Strecke und da wirds auch ne Tankstelle geben.“ „Whatever, hauptsache wir bleiben nicht liegen.“

Die ersten 20 Min. kam nichts mehr und die Grenze rückte immer näher. Dann schien es, als wäre Norwegen die Ideen für ihre Landschaft ausgegangen und jetzt mal die Anderen dran sind. Wir befanden uns jedenfalls in der kärgsten Gegend seit dem Polarkreis. Nichts außer Geröll und Staub. Hmmh, etwas gab es doch noch: 10% Steigung. Berge… jetzt nicht sooo gut für den Tank. Nach weiteren 20 Minuten musste ich rechts ran fahren und Nadi die Vertrauensfrage stellen. „Ich glaube wir könnten da in ein Spritproblem laufen. Entweder drehen wir um und versuchen die letzte Tankstelle zu erreichen – die war ja auch nicht so schlecht – oder wir riskieren es über die Grenze. Irgendwann muss doch da auch ne Tanke kommen“ Google sagt, erst wieder in 60km. Na dann los. Jetzt mussten wir im ersten Gang wieder richtig klettern und das Geräusch aus dem Motorraum klang nicht gerade spritsparend.

Die Grenze kam näher und war tatsächlich nur ein Schlagbaum mitten in den Bergen. Schonmal keine Tanke, dafür ein herzliches Willkommen in Sverre. Gruß zurück. Jetzt waren es nur noch 40km zur Tanke. Wenn alles schief läuft, haben wir ja noch das Rad hinten. Aber 80km hin- und zurück würde ich nicht mal mit einer Schweineblut-Infusion irgend eines dubiosen Tour-de-France Mediziners schaffen. Jetzt noch 60km…wenn ich gut drauf bin, könnte ich übermorgen zurück sein. Noch 40km…langsam kriegen wir ne Chance, aber zurück müsste ich schieben. 20km…wir sind fast gerettet. Die letzten Kilometer verliefen schweigend, nur auf die rote Lampe und den Tacho gerichtet, sind wir mit unserrem Marschflugkörper auf den Platz der Tankstelle gerollt. 1,32 Euro. Na aber hallo! „Nehmen Sie auch norwegische Kronen?“

Jetzt ist Schweden nicht so günstig im europäischem Vergleich, trotzdem sah die Tankstelle plus Supermarkt mitten im Nichts aus, als würde sie gerade geplündert werden. Die Leute holten palettenweise Cola, Bier und Süßigkeiten aus dem Markt. Es stimmt also. Norweger plündern Schweden. Schweden plündern Dänemark und die Dänen kommen nach Schleswig zum Einkaufen. Übrigens, Betten und Kleiderschränke bei Ikea werden nach norwegischen Orten benannt, Polstermöbel und Türknöpfe nach schwedischen, Esstische und Stühle sind finnische und Teppiche, dänische Ortsnamen.

Also, was getankt, was gelernt und jetzt mal ein Blick in die Natur. Grün hier in Lappland. Tatsächlich habe ich noch nie so viel Wald gesehen. Die Straßen sind endlos lang, endlos grün und endlos gerade. Für unser nächstes Ziel, eine Pause vom Campen, in einem gemütlichen Häuschen mit allem PiPaPo für 2 Tage, müssen wir aber noch insgesamt 6 Stunden durch ewiges Grün in Richtung Finnland fahren. Eine kleine Bergkuppe erlaubt einen Blick über Lappland und tatsächlich, bis zum Horizont in jede Richtung war Wald. Wald. Wald. Dabei müssen wir wie Städter gewirkt haben, die das erste Mal Natur sehen. Als wir nämlich ein Rentier, versteckt hinter der Leitplanke ausmachten, waren wir ganz aufgeregt, haben gehalten, Fotos und Videos gemacht und sind dann ganz verzückt weitergefahren, nun endlich ein wildes Tier gesehen zu haben. Nach 6 Stunden Fahrt waren wir ernüchtert. Die Dinger sind hier häufiger als im Wildpark zu sehen. Ratten mit Hufen.

Jede.Straße.In.Lappland – Jede!

Es gibt mehr Rentiere als Menschen in Lappland.

Übrigens Natur, einer der Vorsätze aus dem letzten Dschungel-Urlaub in Malaysia war es, diesmal nicht ganz so rustikal zu wohnen. Mitten im Dschungel, alles voller Mücken und Ungeziefer, nein Danke. Daher also im Sommer nach Lappland… Ich glaube, hier wurden Mücken erfunden. Unser Kühler war schwarz voller toter Mücken als wir endlich an unser Hütte ankamen und die Stimmung ebenfalls. Denn wir saßen noch im Wagen vorm Haus stehend und wussten, das kann nicht gut ausgehen. Rustikale Hütte, im Wald, direkt an einem stehenden Gewässer und alles voller Gräser. Aber tatsächlich, was da durch die schwirrende Anzahl Mücken nur schwer zu erkennen war, ist unsere Hausnummer. Hier sollen wir zwei Tage leben. Ich bin also vorgelaufen und habe versucht die Tür zu öffnen, während mich Mücken groß wie Schwalben langsam leer gezuzzelt haben. Nach einer Ewigkeit habe ich die Tür endlich aufbekommen und Nadi, Harli und ich haben uns in die Hütte gerettet. Die Tür viel krachend ins Schloss und schwer zu glauben, aber drinnen scheinen noch mehr Mücken gewesen zu sein. Wie das tapfere Schneiderlein konnte man hier locker fünf auf einen Streich erlegen. Also wieder raus und in Elli verschanzt. Der Besitzer gab zu, dass der Vormieter vielleicht vergessen hat, eine Tür oder die Fenster zu schließen(!), aber Mücken seien wirklich normal in Lappland und gehören dazu wie Kälte, außerdem planen sie nächstes Jahr Mückengitter. Guter Mann, hier standen Fenster und Türen offen. Im Wald. An einem See. Du bist längst nicht mehr Besitzer hier, das sind jetzt Mücken. Airbnb sah es Gott sei Dank wie wir, hat das Haus den Mücken übertragen und wir konnten alles stornieren. Eine Einheimische hat uns wenig später erklärt, dass sie nen Bombensommer haben, da es dieses Jahr wenig Mücken gibt. Wenig Mücken… Dieser Ort dürfte gar nicht existieren. Es ist ein Mahnmal menschlicher Arroganz gegen die Natur.

Unser Ersatzhaus am See.

Apropos Natur. Wenn Norwegen vom Öl und der Natur lebt, scheint sich Finnland über Rentiere und Blitzer zu finanzieren. Ich glaube es gibt alle 100 Meter eins von beiden. Außerdem stehen hier überall Daddelautomaten, die man früher in den Imbissen und Kneipen stehen hatte. Ein Arbeitskollege aus Schweden hat mal gesagt, wir mögen unseren Kaffee schwarz und unsere Finnen verrückt. Das hält die Russen ab. 

Kann was dran sein, denn es gibt hier viele Momente, wo man zweimal an einer Person hängen bleibt. Außerdem ist die Sprache schwierig. Alle Wörter wirken, als würde die Tastatur klemmen oder jemand wäre beim Schreiben mit dem Kopf auf den Tasten eingeschlafen. Schwedisch und Norwegisch klingt wie betrunkenes Plattdeutsch aber Finnisch. Kino heisst Elokuvateatteri. Oder:

Bisher ist meine Verlustrate von Gegenständen im Urlaub übrigens noch recht niedrig. Als wir heute nach einen Bummel durch Porvoo zurück zum Auto kamen, sollte sich das ändern. Zuerst war unser Parkticket gerade 4 Minuten abgelaufen und man hat es uns bereits mit einer 50 Eur Strafe gedankt. Entsprechend angezuckert war ich und wollte schnell losfahren, damit ich mich mit Tempo 60 auf der Autobahn abreagieren kann… Ein Blick ins Handy-Navi sagte aber: kein Handy. Oh. Nein. Nicht noch das Handy verloren. In der Stadt hatte ich es noch. Sagen wir, es ist nicht das erste Mal das mir das passiert und ich habe es schnell über Nadis Handy gesperrt, geortet und über Google Maps verfolgt. Es liegt also noch in der Innenstadt und zwar dort, wo ich auf einer Bank auf Nadi gewartet habe. Super. Als ich zur Bank laufe, sehe ich über GPS, dass sich mein Handy bewegt. Nicht so super. Allerdings bewegt es sich Richtung Touristen-Information und bleibt dort stehen. Wieder super. Ich renne also in die Touristen-Information und frage nach meinem Handy, was dort tatsächlich gerade abgegeben wurde. Voller Adrenalin erkläre ich der verdutzen Dame, wie ich es orten konnte, mit einer Nachricht sperren und über GPS schließlich gefunden habe. „Warum hast du nicht einfach angerufen?“… oder so…

Geschafft. Mitten im Nichts

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66° 33′ 55″

Puh. Schattig hier. Wir sind mittlerweile im Norden Norwegens angekommen und die Flip-Flops haben schon seit ein paar Tagen keinen Fuß mehr zu sehen bekommen. Aber mit echten Campern ist es wie mit gutem Grünkohl, da muss der Frost erst zwei mal drüber. 

Wie einst die Jackson 5. Geschützt vor allem was kreucht und fleucht – als Einzige auf dem Platz

Und echte Camper sind wir jetzt. Wir wurden offiziell in die Bruderschaft aufgenommen, denn man grüßt sich als Wohnmobil-Lenker untereinander. In Büsum noch frenetisch winkend, in Dänemark jovial mit gehobenen Arm, in Süd-Norwegen kurz die Hand gehoben, später den Zeigefinger zum Gruß und mittlerweile nicke ich nur noch oder guck zur Seite.  Es sind einfach zu viele. Es bricht mir zwar das Herz, wenn uns ein älteres Ehepaar aus Mainz wild grüßend entgegenkommt und ich sie enttäuschen muss, aber ich kann nicht mehr. Mein Beifahrer ist schon kurz hinter Flensburg aus der Sache ausgestiegen.  

Apropos Beifahrer. Sollte ich mich verletzen und fahruntüchtig werden, rückt Harli auf den Bock. Sie ist meine Nummer 2. Nadi hat sich zwar bereits in Ohlendorf während einer kurzen Testfahrt disqualifiziert, als sie nen Kantstein mitgenommen hat, aber in Trondheim ist mir erst das Gesamtmaß der Tragödie klar geworden. 

„Ähm Nadi, was stand auf dem Schild?“

„Welches Schild?“

„Da war ein Schild, auf dem stand glaube ich 3,20 Meter maximale Höhe“

„Passt doch“

„Wir haben ca. 3.50 Meter“

„Dann schrammt das ein bisschen“

„3 mm zu viel schrammen vielleicht ein bisschen. 30 cm zu viel sind ein Aufprall!!“

Ansonsten krabbelt Elli immer noch wie eine Gemse die Berge hoch. Morgens braucht sie ein wenig und keucht wie ein Stark-Raucher, dafür schießt sie dann eine charismatische Dieselwolke in die Luft, die mich immer noch verzückt. Aber sie hat es zum Polarkreis geschafft. Hier ist das Land der Trolle, sagen die Souvenir Shops….tatsächlich sind es aber scharenweise Busse mit Touristen aus allen Herren Ländern. Und immer noch zeigen Kinder auf unser fahrendes Juwel und Eltern drehen ihnen schockiert die Köpfe weg.

Elli am Polarkreis

Gegen Kälte haben wir natürlich Klamotten (ein paar zumindest) und ne Gasheizung dabei, schlimmer noch ist die Dunkelheit – es gibt keine. Es scheint 24 Stunden am Tag die Sonne. Immer. Sonne. Wenn mein Kissen die Jalousie nachts etwas verrutscht, lacht mich der Sonnenschein auch um 3 Uhr noch mitten ins Gesicht. Hat so ein bisschen was von Legebatterie. Gott sei Dank waren die Vorbesitzer aber Vampire und haben vor jedes Fenster Klett geklebt, damit wir alles hermetisch gegens Tageslicht abriegeln können. 

Ansonsten werden mir in Norwegen die Tunnel im Gedächtnis bleiben. Kilometerlange Wege wurden in die Berge geschlagen, in denen wir wie eine Lore nach oben und unten zuckeln. Ein Tunnel war 25 Kilometer lang und wir haben jeden einzelnen Kilometer der Dunkelheit genossen. Vielleicht schlafen wir in einem. Ein paar sind mit Neonlicht-Impressionen gestaltet und andere haben unterirdische Kreisel. Hier in Norwegen gilt schließlich das Jedermannsrecht und wir dürfen schlafen wo wir wollen. So lange kein Norweger aus dem Fenster gucken kann und uns sieht. Also immer 100 Meter Abstand und außer Blickweite von Häusern. Bei einer Bevölkerungsdichte wie in Sachsen ist das aber nicht so schwer.

Eindrucksvoll ist auch die Natur. Aber man kriegt irgendwann vor lauter Seen, Flüssen, Bergen und Fjorden ein bisschen Reiz-Überflutung. Deswegen gehts jetzt auch weiter nach Schweden.

Der Klassiker. Alles auf einem Bild.

Wildes Campen auf den Lofoten

Spiegelverkehrt

Wir verlassen das Festland mit der Fähre Richtung Norden

Sieht ein wenig unecht aus

Blick um 3 Uhr nachts aus dem Fenster…

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In 80 km/h um die Welt.

Ich bin vorhin ungebremst in eine Baustelle gefahren. Vollgas. Die Hände so fest ums Lenkrad gekrallt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ungebremst, weil in der Baustelle nur 80 km/h erlaubt waren und ich eh nicht schneller kann. Ein Blick im Rückspiel zeigt, dass ich auf der Autobahn am Ende der Nahrungskette stehe und sich hinter mir eine Perlenschnurr an LKW gereiht hat.

Schritt zurück. Es sind 4 Jahre seit unser 3 monatigen Asien/Australien/Neuseeland Reise vergangen und wir haben unterwegs immer wieder Familien bewundert, die diese Reise mit Babys gemacht haben. Nun haben wir uns selbst so ein „Modell“ zugelegt, den Arbeitgeber um Elternzeit angeschnorrt und wollen ebenfalls auf große Tour. Nur wie reisen wir mit der Lütten? Unser Auto ist zu klein und das Budget für einen Flug plus Mietwagen ist noch kleiner und wir können mit der Kleinen auch nicht in jeden Schurkenstaat. Wir müssten also aus Deutschland starten und uns endlich den Ländern nördlich und östlich der Heimat widmen. Ein kurzer Realitätscheck bei Mobile.de hat auch schon den Radius möglicher Fahrzeuge hierfür eingegrenzt. Vom Alter her wird es aus der Bevölkerungskohorte der Wiedervereinigung stammen und von der Ausstattung her in der Schwackeliste ganz unten pendeln. Der Fiat Ducato 290. Italiens Allzweckwaffe für die Camper der 90ger. Amore.

Sie wurde „Elli“, nach einer Frau aus dem Animationsfilm „Oben“ vom Vorbesitzer getauft, da hier irgendjemand früh gestorben ist und man es verpasst hat zu reisen. Bisschen kitschig und ganz kriege ich die Argumentationskette auch nicht mehr zusammen, aber Elli ist als Name und Motto ok und man hat das Mobil wirklich liebevoll in Schuss gehalten.

Ein Schaulaufen der Reichen und Schönen – und Elli

Sie ist größer als ein VW Bus, einigermaßen günstig zu schießen und mit ein bisschen Spucke und Bitumen wird Elli halten. Nachteil, sie ist wirklich alt, sehr langsam und versprüht den rustikalen Charme eines Raststätten-Freudenhauses. Dafür ist drinnen genug Platz, n’WC, Kühlschrank und auch sonst alles was man braucht. Draussen hat sie ein Kumpel nochmal auf Herz und Nieren geprüft (1.000 Dank Hecke!) und die Niere musste dann auch neu. Aber bis auf eben diesen Dieseltank war alles startklar.

Das Interieur hat Nadi auf Vordermann gebracht und mit Hilfe meiner Mutter neue Gardinen verpasst. Außerdem hat sie unseren kompletten Haushalt verstaut, sodass wir Berge jetzt im ersten Gang und mit Zwischengas erklimmen müssen, dafür aber auf jeden Campingplatz wie die Könige leben. „Wollen wir uns heute abend ne frische Kartoffelsuppe im Thermomix machen?“ Klaro!

Insgesamt sieht Elli noch immer wie ein leichtes Mädchen aus, aber Dank Hecke kann sie ne Lunge um nen Marathon zu laufen und Dank Nadi sieht sie dabei auch noch chic aus – wenn die inneren Werte zählen. Gott sei Dank habe ich mich vor der Reise auch mit Board-Elektronik und dem 1X1 der Mechanik unser Dame auseinander gesetzt. Als wir die Dicke nämlich mit 10% Steigung auf einen der Berge gescheucht haben und danach wieder runter, roch es eigenartig. „Hmmh Nadi, verbrennt jemand draußen was?“ – Nadi kurbelt das Fenster runter: „Jupp, draußen stinkst“. Als dann noch weißer Qualm dazu kam wurde ich stutzig. Rauchen die anderen Autos etwa so? Ich hab also scheinbar ein feines Näschen für Fahrzeuge. Irgendwann hab aber auch ich kapiert, dass natürlich draußen keiner was verbrennt und mir schon kilometerlang hinterherläuft, sondern dass Ellis Bremsen es vielleicht einfach nicht mögen, wenn man ausgekuppelt den Everest runterrollt und in jeder Haarnadel-Kurve vollbremst. Also wieder den kleinen Gang rein und runtergestottert. Warum sollte ich auch runter schneller sein als hoch.

Nun zur Route. Wir wollen anfangs über Dänemark nach Norwegen und uns hier Richtung Polarkreis austoben. Anschließend wollen wir über Schweden und Finnland Richtung Baltikum und in St. Petersburg, den finnischen Meeresbusen umrunden. Elli muss also nicht nur nen Marathon laufen, sie wird auch viele Fremdsprachen lernen müssen. So die Theorie. Ich musste ne Sicherung austauschen, damit wir wieder Strom im „Bad“ haben, die Anleitung für Heizung und Kühlschrank lesen und auch sonst haben wir schon ein paar Hürden mit unser Rentnerin gemeistert, aber sie läuft und läuft. Lauter als ein Ausflugsdampfer, aber konstant.

Das Gegenteil der Renterin ist unser jüngstes Mitglied des Mehrgenerationenhaushaltes. Harli ist die geborene Camperin. Nach dem Frühstück ratzt sie im dröhnenden Motordrom friedlich für drei Stunden. Dann gibt es Geschrei wegen des Mittagsessen – von Nadi – und nach der gemeinsamen Mahlzeit wird wieder bis abends geratzt. Manchmal wacht man verwirrt in seinem Kinderwagen in der Stadt oder am Fjord auf, aber bis abends ist alles easy. Abends hingegen ist Party auf dem Campingplatz und man jauchzt, quiekt und meckert. Auch wegen Zähnen.  Das stört bisher aber keinen, im Gegenteil. Gestern hatten wir vier Nachbarn vor der Tür, die uns alle solidarisch mit Tips versorgt haben.

Mittlerweile sind wir also schon eine Woche unterwegs und in Norwegen, genauer in Alesund und haben den Start mit Bravour gemeistert. Ich bin vom Land total begeistert – Dänemark ist nicht so meins und wirkt immer ein bisschen wie XXL Schleswig-Holstein, aber Norwegen…huiiii. Auf der Fähre hierher haben wir auch gleich nen Auswanderer ausgemacht, bzw. er uns. „In Norwegen hab ich gleich Arbeit bekommen“ „In Norwegen sind alle Menschen freundlich“ „In Norwegen ist das Essen und das Leben besser“ Ja, schon gut. Wir haben auch VOX und kennen die Platte der Auswanderer.

Was an Vorurteil aber stimmt ist die Kinderzahl. Kinder scheinen ein Statussymbol zu sein und man hat in der Regel 3-4. Wie Clowns aus einem Auto krabbeln hier Kinder aus…naja auch Autos. Wir haben nur eins und das andere Statussymbol, das Auto können wir erst recht knicken. Hier stehen ganze fahrende Einfamilienhäuser neben unser Dirne. Eins hatte drei Achsen, nen Hauswirtschaftsraum und ein Cockpit, in dem man die Erdkrümmung sehen könnte. Nur im Verbrauch können wir mithalten.

Kategorien: Einmal um die Ostsee | Ein Kommentar

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