Estland = Bestland

„Es hausen Zaunkönige dort, wo’s einst kein Adler wagte“ so oder so ähnlich hat Shakespeare es gesagt und so oder so ähnlich haben wir uns auch gefühlt, als wir mit Ellie in die Stadt Peters des Großen einfuhren. So viel Prunk, Marmor und beeindruckende Architektur habe ich erst in wenigen Städten erleben dürfen. Aber der Reihe nach.

Als wir die Grenze nun hinter uns ließen, konnten wir uns endlich mental auf die kommenden Straßenverhältnisse gefasst machen … aber die Straßen waren wider Erwartend, breit und dazu mit Werbung des Klassenfeindes gesäumt: Apple, Mc Donalds und Ford. Hmmh. Dann kamen die ersten Tankstellen und auch die waren tadellos. Bei einer Shell haben wir, immer noch misstrauisch, für 52 Cent den Boliden vorsichtshalber noch einmal aufgetankt. Als ich den Tankwart, der für uns getankt hat, fragte, ob man denn hier auch mit Visa zahlen kann, hat sein Gesicht eine Mischung aus Mitleid und Unverständnis ausgedrückt. Ja, man kann in Russland mit Visa zahlen, du Trottel. Paypal oder Clubsmart-Karte dabei? 

Bevor ich all meine idiotischen Vorurteile aber endlich begraben konnte, musste ich erst an eine Mautschranke kommen. 100 Rubel wollte die Matrone in der Box von mir. Ich hatte aber keine Rubel, da noch keine Bank kam. „Hmmh Rubel habe ich keine werte Frau, aber diese funkelnde Euro-Münze könnte ich anbieten“ und hielt dabei gönnerhaft das Objekt der Begierde in die Sonne. „Was soll ich mit nem Euro? Rubel oder Visa“!

Moderne Infrastruktur, die frisch gemähten Seitenstreifen duften nach Sommer, fast jedes Auto bedankt sich beim überholen, wenn man ein wenig Platz macht und die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Vielleicht sollten wir unsere Vorurteils-Schublade langsam mal wieder schließen… 

Wir haben übrigens den Sonntag für die Einfahrt nach St. Petersburg gewählt, da Sonntags der Verkehr meist entspannter ist und wir unsere 6 Meter lange, Servolenkungs-freie Behausung dann einfacher durch die Stadt steuern können. Sonntags wird auch der Russe bei einem Hühnerei gemütlich am Frühstückstisch sitzen und frischen Bohnenkaffee genießen. Was wir nicht berücksichtigt haben ist, dass der berühmteste Sohn der Stadt, Vladimir P., an diesem Tag zum Fest geladen hat und seine Kriegsmarine-Parade durch die Stadt zieht. Kurz: Es war voll wie tausend Russen.

St. Petersburgs war schlicht beeindruckend, wir hatten eine tolle Wohnung und die Menschen die wir kennen gelernt haben, haben uns nochmal gezeigt, wie albern zuviel Mißtrauen und Vorurteile vor einer Reise sind. 

Und dann gabs auch noch Feuerwerk

Trotzdem waren wir froh, dass die Ausreise geklappt hat und wir wieder im heimischen Schoß der EU inkl. Fahrzeug und trotz exkl. Fahrzeugschein waren. Die Russen waren nochmal mit Mann und Maus (eigentlich ein Hund) bei uns im Wohnmobil, aber der Este hat es dann souverän runtergespielt und uns die Grenze geöffnet. 

Generell verstehen sich die Esten eher als Skandinavier denn als Balten. Dick befreundet mit den Finnen, aber mit dem Russen … So hat uns Estland, das Land aus dem Skype und Hotmail kommen, auch als sehr modernes Land empfangen. 50% des Landes sind Wald und die spärlichen restlichen Einwohner sind Europas Heiden Nummer 1. Nur 14% zählen sich als Religionszugehörig.

So genug aus Google erzählt. Wir sind also in der Hauptstadt Tallinn und wundern uns über deren Aufmachung. Die Innenstadt wirkte wie ein Freizeitpark, in denen die armen Ureinwohner, den Touris das Mittelalter vorgaukeln müssen. An jeder Ecke ist jemand verkleidet und Heerscharen Asiaten und Amerikaner erfreuen sich der Folklore. (Es ist auch das Land mit den meisten Volksliedern. Genug jetzt).

Endstation Harfe

Ein Händler der Aufladekabel verkauft. Stilecht

Wir schlendern also wieder zum Wohnmobil, um zum nächsten Campingplatz zu fahren, als ich mich über einen nassen Fleck unterm Fahrzeug wundere. Hmmh. Hat’s geregnet? Egal. Wir fahren los und auf einmal wird das Bremspedal ganz hart und lässt sich nur noch schwer durchtreten. Flüssigkeit unterm Auto und gleichzeitige Beeinträchtigungen der Fahreigenschaft, sind nie gute Zeichen. Schlechter noch werden die Zeichen, wenn die Flüssigkeit auch noch Öl ist.

Wir parken, ich krabbel unters Auto und die rechte Seite ist komplett schwarz und verölt. Aber nichts von dem passt zu einer harten Bremse. Ein Blick unter die Motorhaube zeigt, dass einer der Vormieter dort Ersatzöl hinter der Batterie gelagert hat und dies ausgelaufen sein muss.

Große Klappe. Öl dahinter

Jetzt sind wir Gott sei Dank im ADAC – wenn auch erst seit 2 Monaten. Ich rufe an und man sagt mir, dass jemand kommen wird. Und jemand wird kommen. Auftritt Gennadi. Er hält vor uns, steigt aus und seine mies gestochenen Knöcheltattoos schreien entweder nach Knast oder Jugendsünde. Beides schließt sich nicht aus. Er guckt unter die Motorhaube und sagt das KFZ-Mechaniker 1×1 auf. „Oha, das sieht nicht gut aus“. Warum ich nen Fiat fahre, fragt er. Fiat ist scheisse. 

Das ist mein gelber Engel? Echt jetzt? Aber Gennadi macht nur Spaß. Fiat ist scheisse weil Fiat Service in Tallin keine Wohnmobile mehr annehmen. Zu aufwendig. Er weiß auch nicht wo er mich hinbringen soll. Schnell erzähle ich ihm, dass das Öl hier harmlos und eher ein Versehen ist, weil es aus einer Ersatzflasche gelaufen ist. „Ja, putzen wir einfach weg. Öl haben ist besser als Öl brauchen.“ Na denn.

Gennadi sagt, er findet keine Werkstatt für uns außer eine, die erst in 4 Tagen wieder Zeit hat. Nach weiteren 4 Tagen Mittelalter-Themen-Park würde ich aber von der Burgmauer springen. Er hat ne Idee. Irgendwas fummelt er im Motorraum rum und zeigt mir stolz nen Schlauch, den er irgendwo abgezogen hat. Ähm, ja? „Kein Zug. Ich weiß fast. Vakuum-Pumpe. Ich kann bei mir in der Werkstatt reparieren.“

Ok. Die Skepsis setzt ein. Es kommt ein Abschleppdienst mit Knast-Tattoos, redet mit wem-auch-immer am Telefon, behauptet, keiner hätte Zeit, fummelt mir Leitungen aus der Kiste und will es am Ende selbst reparieren… Wir sind dabei!! Was sollen wir auch anderes machen?

Wir fahren also hinter ihm her zu seiner Werkstatt. Er fährt extra schwach befahrene Straßen, damit wir sicher sind. Nebenher telefonieren wir erneut mit dem ADAC und die segnen die Geschichte mit seiner Werkstatt ab und kümmern sich jetzt um eine Übernachtung plus Taxi für uns. Puh.

Auf dem Gelände von Gennadis Werkstatt guckt sich Henry, wie er ab jetzt genannt werden will, nochmal alles in Ruhe an und ist sich sicher, dass er alles repariert kriegt und gleich morgen früh um 9 Uhr anfangen will. Wir können auch auf seinem Gelände campen, wenn wir wollen, aber die Hotel-Geschichte vom ADAC finden wir besser. Freundlicher Henry hin- oder her.

Da spurrtet er los und ruft nach oben einen Namen. Es geht ein Fenster über seiner Werkstatt auf und ein Mann schaut raus. Es handelt sich um den Mann, der für den ADAC in Estland die Anfragen regelt. Er sagt, er hat uns gerade ein Hotel gesucht und ein Taxi kommt gleich. Zufälle gibts.

Henry lässt es sich nicht nehmen, mit uns aufs Taxi zu warten und erzählt uns von seinem 60 Jährigen Leben. Netter Kerl. Erst als das Taxi kommt und er dem Taxifahrer nochmal alles erklärt hat, fährt auch er nach Hause. 

Der ADAC hat für uns ein nettes Hotel direkt in der Innenstadt besorgt, von dem wir am nächsten Tag die Stadt zu Fuß besichtigen können und gegen 11 meldet sich Henry, dass alles wieder in Ordnung ist. Er hat sogar das Öl aus dem Motorraum gewaschen und die Bremsen gereinigt. Kostenpunkt für alles: 30 EUR.

Er zeigt uns noch Fotos von seinem Neffen und wünscht uns ne gute Fahrt. Puh. Glück gehabt. Danke ADAC und besonderen Dank an den Knöchel-Tattoo tragenden Henry. 

Kategorien: Einmal um die Ostsee | Hinterlasse einen Kommentar

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