Russland. Wir haben uns nicht getraut, direkt von Helsinki nach St. Petersburg zu fahren, da es 4 Stunden sind und dazwischen so etwas wie eine russische Grenze liegt, dessen Ruf ihr weit voraus eilt. Also haben wir an der Grenze übernachtet und – ich muss es zugeben, wir haben mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt. „Lass nochmal volltanken in Finnland“, „Wir nehmen lieber viel frisches Wasser mit“, „Ich hab gelesen, die Straßen sind voller Löcher und wenn wir unsere Kreditkarte nutzen, wird sie gleich gesperrt“, „Die Polzei soll willkürlich und kurrupt sein“ und „Der Russe fährt wie ein Henker“.
Gute Voraussetzungen also, um mit klaren Kopf das Thema „Wohnmobil in Russland“ anzugehen. Wir rollen also auf die Grenze zu. Kein Auto, kein Mensch in Sicht. Aber eine rote Ampel. Wir halten. Nichts passiert, bis eine Person aus dem Gebäude kommt und uns genervt darauf hinweist, dass wir doch bitte ins Gebäude kommen sollen. „Wir Trottel.“
Jetzt haben wir wirklich jeden Blog und jedes Schauermärchen über die Grenze gelesen. Internationaler Führerschein, Versicherungen, die man an der Grenze aufgebrummt bekommt oder Bestechungen, weil sie einen irgendwas vorwerfen. Auch ein internationaler Fahrzeugschein soll notwendig sein. Das habe ich so vorher noch nicht gelesen. Problem hierbei, ich habe nicht mal den Deutschen mit, weil ich ihn beim Packen irgendwie verbummelt haben muss… Ich hab aber ein Foto vom Fahrzeugschein und den Brief mit….“Wie soll der Russe denn wissen, wie ein deutscher Fahrzeugschein aussieht?“
Wie geh ich die Geschichte also an. Dumm stellen, Lüge oder Wahrheit? Ich bin noch unentschlossen als ich auf die Zöllner zugehe. Zunächst wundert mich sein geschliffenes Englisch, dann macht er ein paar Witze und fragt, wo denn der Rest der Familie ist. Och der ist aber nett. Also kommen auch Nadi und Harli dazu. Hmmh, warum hat er denn wohl eine finnische Flagge auf dem Arm? Egal. Ist ja ne gemeinsame Grenze, wechseln sich wohl ab. Er fragt nach den Fahrzeugpapieren. Bitte sehr, hier sind sie. „Das ist ein Brief, Teil 2. Wir brauchen Teil 1, den Schein“. Mist, den Finnen hier kann ich schonmal nichts vormachen und ich probiere es erstmal ahnungslos. „Das ist alles was ich hab, das ist das Original“. Was immer ich dachte, wie es weitergeht, er kennt seinen Job und ich liege bereits 5:0 hinten, bevor es überhaupt losging. Wir diskutieren und ich soll erstmal mein Auto von der Schranke wegfahren. Langsam klingelt es auch, dass dies hier die EU Grenze ist und alles vorsortiert wird, bis es an die russische Grenze geht.
Die Finnen sind freundlich, aber sagen, keine Chance Kumpel. Nimm den Bus, die Fähre oder von uns aus Lauf, aber ein Auto ohne gültige Papiere? Schwierig. Irgendwas hat sie aber erwärmt – vermutlich der Zustand der Karre oder das Nadi gerade Harli füttert – und sie bieten an, bei den Russen drüben eben anzurufen und zu fragen, was denn deren Meinung zu der Sache ist. Der Russe sagt, „muss ich mir selbst angucken“.
Die Finnen ringen mit sich. Finne 1 sagt, dass unser Visum nur eine einzige Einreise erlaubt. Wenn wir jetzt rüberfahren, sind wir ja eigentlich in Russland und wenn wir abgelehnt werden, können wir später keine Fähre oder anderen Weg mehr nehmen, denn das wäre Einreise Nummer 2. Finne 2 ruft also wieder drüben an, was man da machen kann. Der Russe sagt, „muss ich mir selbst angucken“.
Die Finnen haben ein Herz (oder einfach keinen Bock mehr), sagen nochmal wie wenig offiziell hier meine Kopie ist und übergeben uns den Russen. Wir fahren in das Sperrgebiet und passieren die riesigen Betonbuchstaben „Russland“. Ein wenig mulmig ist uns schon.
Nach ein paar Kilometern, an Wachtürmen und Stacheldraht vorbei, kommen wir auf einen Hof und stellen uns vor die dortige Schranke. Eine Blondine in Armee Klamotten zeigt auf ein Häuschen, zu dem wir gehen müssen. Dort fragt man sehr patzig nach etwas, was wir nicht verstehen. „Oh sorry, English, please? We dont …“ weiter komme ich nicht, da sie das gleiche Wort von eben noch einmal, diesmal nur lauter schreit. Am liebsten hätte ich ihr den Schweigefuchs aus der Grundschule mit meinen Händen gezeigt, damit sie versteht, dass man mit Schreien und diesem Militär-Esperanto nicht weit im Leben kommt. Besser nicht.
Es handelt sich um Einfuhrdokumente, die ich hätte ausfüllen sollen. Wann denn? Ich fülle sie aus, weiß aber die Visa-Nummern nicht, da auf meinem Visum tausend Nummern stehen und alles auf kyrillisch ist. Naja, dann muss sie das eben schnell nachtragen. Ich hab das Spiel wohl aber noch nicht verstanden, denn sie schmeisst mir die Zettel zurück. Sie füllt hier mal gar nichts aus.
Gott sei Dank hilft mir ein finnischer Busfahrer zu verstehen, was ich hier eintragen soll. Aber ohnehin wollte ich ja erstmal nachfragen, wie wir denn mit dem Fahrzeugschein-Problemchen zusammenkommen. Wen immer die Finnen angerufen haben, diese Dame war es sicher nicht. Sie nimmt die Pässe und ist nicht mehr ansprechbar. Menschlich wirds hier merklich kälter. Ich höre drei Stempel auf eine Art klopfen, wie es nur Beamte können und unsere Visa sind genehmigt. Uuuund auch entwertet für einen möglichen zweiten Versuch. Prima. Wir sollen gehen.
Militär-Frau 1 zeigt jetzt auf ein anderes Häuschen. Dort sitzt eine ältere Frau und fragt nach unseren Zoll-Erklärungen. Nie so etwas gesehen. Man gibt uns zwei Zettel und zeigt auf eine Tafel, wo alles erklärt steht. Wieder auf kyrillisch. Das brüchige Englisch auf unseren Zetteln gibt aber zumindest Hilfestellung. Ich fülle alles nach besten Gewissen aus. Auf der kyrillischen Tafel steht noch was von IPhone, also schreib ich auf die Rückseite „Thermomix und Samsung S6“ Sollen wohl Wertsachen sein. Ich gebe den Zettel mit dem gleichen mulmigen Gefühl ab, wie früher Klassenarbeiten. „Ähm die Finnen haben hier angerufen und ich …“ Man unterbricht mich auf russisch und fragt nach allen Dokumenten. Hier bitte, aber die Finnen…ach was solls.
Frau 3 prüft also in Seelenruhe meinen Zettel und drückt überall Stempel rauf. Stempel sind gut, oder? Dann will sie mir die Zettel zurückgeben und schaut vorher nochmal auf die Rückseite. Sie wirkt enttäuscht und/oder genervt. Auf jeden Fall zerreißt sie die Zettel und gibt mir zwei Neue. Dazu sagt sie „No“. Ist wohl kein Thermomix-Fan. Vielleicht sollte ich ihr kurz zeigen, wie einfach damit guter Milchreis geht, aber zu Scherzen bin ich seit 2 Stunden schon nicht mehr aufgelegt. Also alles nochmal.
Auf einmal steht wohl ihr Chef hinter ihr und beide prüfen meinem Fahrzeugbrief. Oh nein. Sie fängt jetzt an, alles in einen Computer zu tippen. Den ganzen Brief. Mit nur einem Finger. Dann macht sie Kopien von allem, aber stempelt wieder und ich kriege die Dokumente. Ha!
Leider ist Militär-Frau 1 jetzt weg und ich weiß nicht wer oder was als Nächstes kommt. Häuschen 3? Der Zonk? Ich will gerade zu meiner Freundin aus Haus 1 zurückkehren und fragen, da klettern schon zwei Uniformierte in unser Wohnmobil. Mit Stiefeln auf Nadis Teppich untersuchen sie sehr lustlos alles, lachen miteinander und bitten mich dann alle Klappen zu öffnen. Dann gehen sie raus und öffnen die Schranke. Los, hau ab.
Wir sind also tatsächlich in Russland. Jetzt noch 2 Stunden bis St. Petersburg aber der schwierigste Teil ist geschafft…hoffentlich. Mal sehen was die Kollegen in Estland sagen, wenn wir an deren Tür klopfen und nen altes Wohnmobil ohne Schein zurück in den sicheren Schoß der EU führen wollen. Aber das ist das Problem von Zukunfts-Christoph.
