„Herr Schliecker, was sind Ihre Schwächen?“
„Ungeduld. Nächste Frage“
Ich wollte ja an meinem Zeitmanagement im Urlaub arbeiten – und wurde auf eine harte Probe gestellt. Für unseren Flug nach Kuala Lumpur konnte ich wegen technischer Probleme auf der mobilen Seite von Malaysia Airlines am Vortag des Flugs nicht einchecken. Also probierte ich es über einen Desktop Computer. Auch kein Erfolg. Also lud ich mir die App runter. Immerhin bis zur Passnummer Eingabe…aber wo kriege ich jetzt die Passnummer von Nadi her? Meine kenne ich für genau solche Fälle auswendig. Und wenn bloß nicht immer das WLAN im Stadtrundfahrt Bus ausfallen würde. „Können wir das nicht heute abend machen und uns weiter die Stadt anschauen?“ fragte es neben mir. „Und irgendwo im Flieger sitzen, weil alles dann weg ist? Also ehrlich“
Es nutzte nichts. Ich habs ja versprochen daran zu arbeiten. Als aber auch am Abend der Check-in nicht ging, wurde ich nervös. „Am Besten sind wir morgen kurz vor Sonnenaufgang da – ist ja auch immer viel Stau hier in Seoul.“
Die Straße sah am nächsten Morgen ein wenig wie im Western aus, wenn das Steppengras durch die staubigen Gassen rollt. Es war Feiertag in Seoul. Kindertag oder Zootag. Irgendwas mit Kindern halt, aber die Straßen waren verwaist und wir brauchten nur knapp 40 Minuten zum Flughafen. „Siehste, ging doch schnell“ rief Nadi noch, aber ich lief schon Richtung Flughafen Halle. Die Schalternummer von Malaysia Airlines hatte ich schon gegoogelt. Wenigstens im Shuttle-Bus ging das WLAN.
30 Minuten in der Schlange später, waren wir dran. „Tut mir leid, aber es gibt nur noch Mittelplätze. Alles überbucht“ war die knappe Antwort. Mittelplätze. Mitten in der Mitte. Mein Lachen gefror und ich musste mein Missfallen dringend an jemanden auslassen. Nadis hochgezogene Braue war mir aber Warnung genug, es nicht mit ihr zu probieren.
6,5 Stunden später (plus 45 Minuten wie Ziegen eingefercht auf dem Rollfeld in Seoul) setzten wir zur Landung in Kuala Lumpur an. Hmmh, nur 26 Grad Außentemperatur laut Anzeige – sommerlich! Allerdings waren auch noch 20 Minuten Flugzeit und draußen noch Wolken zu sehen. Zumindest glaube ich das, von meinem Platz kann ich es jedensfalls nicht sehen… Als der Flieger sicher am Gate parkte, zeigte der Tacho schon 37 Grad – zusammen mit einer Luftfeuchtigkeit von 90% machte es nur laut PUFF als die Tür sich öffnete und meine Harre sprangen in ihre Naturkrause. In der Tat sommerlich.
Ab hier greifte dann unsere ausführliche Planung. Mietwagen? Bestellt. Datenkarte für unser mobiles WLAN? Gekauft, einsatzbereit und funktioniert! Wir sind also online mit ausreichend Datenvolumen, haben über das Handy ein Navi und müssten jetzt nur noch Europcar finden.
30 Minuten später hat uns eine Putzfrau irgendwo in den Katakomben des Flughafens verirrt aufgelesen und uns mit einem zahnlosen Lächeln in Richtung Mietwagen geführt. Wir haben sie nicht verstanden, sie uns nicht. Aber irgendwie hat es geklappt und wir konnten endlich unseren Wagen abholen. Den Proton 1.6. Die Sperrspitze malaysischer Ingenieurskunst.
Unser hat seine besten Jahre aber schon hinter sich. Kennt ihr den Film „The Green Mile“? Wo der Aufseher im Todestrakt eines Gefängnisses jedes Mal „Ich bringe einen Toten“ schreit, wenn er ein neuen Gefangener bringt? So fühle ich mich, wenn ich den Proton in ein Parkhaus fahre. Das Fenster knarrt als wolle es rausspringen, der Zigarettenanzünder hat nicht mehr genug Power um ejn Handy zu laden und in Kurven scharbt irgendwas. Aber nur rechts.
Ansonsten ist Autofahren in Kuala Lumpur das letzte große Abenteuer. Linksverkehr. Eine Milliarden Rollerfahrer, eine weitere Milliarden Taxen und Autofahrer, keine Verkehrsregeln (inkl. Ampeln), eine Beifahrerin mit notorischer Links-Rechts Schwäche, eben der genannte Proton 1.6 und natürlich ein Tropensturm, der mit einer Heftigkeit an Blitzen und Regen gegen das Auto peitscht, dass ich völlig fertig auf den Parkplatz des Hotels in der Innenstadt rolle. „Was für eine Anreise“ will ich rufen, aber diesmal rennt Nadi schon Richtung Restaurant.






